Lernen am Modell

Nicht alle menschlichen Verhaltensweisen lassen sich durch Konditionierungsvorgänge erklären. Dies gilt besonders für komplizierte Verhaltensmuster und Lernvorgänge wie z.B. Lernen der Geschlechtsrolle, Aneignung handwerklicher Tätigkeiten, Lernen von Einstellungen und Wertorientierungen u.ä. Hier wird das dritte Lernprinzip wirksam, das Lernen am Modell (oder sozialkognitive Lerntheorie). Lernen erfolgt dabei durch Beobachtung und Nachahmung (Imitation) des Verhaltens einer anderen Person (Modell).

 

Der Lernvorgang

Der Lernvorgang beim Modell-Lernen läuft in zwei Phasen ab:

Verhaltensaneignung:
Das Verhalten des Modells wird genau beobachtet und gedanklich nachvollzogen.

Verhaltensausführung:
Das beobachtete Verhalten wird selbst ausgeführt, wenn die jeweilige Situation es erfordert oder ermöglicht.

 

Wann wird ein Modell nachgeahmt?

Grundsätzlich kann jede Person als Modell für das eigene Verhalten dienen. Ob jedoch ein Modell nachgeahmt wird, hängt im Wesentlichen von folgenden Faktoren ab:

Konsequenzen, die das Verhalten des Modells für das Modell hat
Wird das Verhalten des Modells belohnt, so wird dieses Verhalten eher nachgeahmt. Wird das Modell für sein Verhalten jedoch bestraft, ist eine Nachahmung weniger wahrscheinlich. Man nennt diesen Vorgang "stellvertretende Verstärkung".

Eigenschaften des Modells
Hat das Modell besonders erstrebenswerte Eigenschaften wie etwa Macht, Ansehen, Beliebtheit, Attraktivität usw. oder werden ihm diese Eigenschaften zumindest vom Beobachter zugeschrieben, so wird dieses Modell eher nachgeahmt als ein Modell, das diese Eigenschaften nicht besitzt.
Gerade junge Menschen, die noch auf der Suche nach eigenen Wertorientierungen sind, nehmen sich Filmschauspieler, Popstars oder Fotomodels als Vorbilder, die sie (zumindest von der äußeren Erscheinung her) nachahmen.

Eigenschaften und Motivation des Beobachters
Es kommt natürlich darauf an, ob diese Eigenschaften des Modells für den Beobachter von Bedeutung sind, ob er sie auch für sich selbst als erstrebenswert ansieht und sich einen persönlichen Erfolg davon verspricht, wenn er das Modell nachahmt.
Vor allem Menschen mit geringem Selbstwertgefühl wählen sich Modelle mit besonderer sozialer Macht und Ansehen.
Auch besondere Interessen oder Werthaltungen können zur Wahl eines Modells beitragen. So können z.B. Mutter Theresa oder Albert Schweizer Vorbilder für jemanden sein, der sich selbstlos für Hilsbedürftige einsetzen will.

Beziehung zwischen Modell und Beobachter
Eine positive emotionale Beziehung zwischen Beobachter und Modell sowie eine gegenseitige Abhängigkeit begünstigen die Bereitschaft zur Nachahmung.
Aus diesem Grund sind die Eltern für jedes Kind zunächst die wichtigsten Modelle. Sie verkörpern für das Kind zudem Macht, Wissen und Kompetenz. Später kommen andere Modelle außerhalb der Familie hinzu (Lehrer, Freunde). Aber auch hier spielt die emotionale Beziehung eine wichtige Rolle.

 

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